SmartClothing auf dem Vormarsch?

Smarte Technologie ist überall. Mit „SmartClothing“ erobert die raffinierte, übergreifende Konnektivität auch das, was uns am wortwörtlich nächsten ist: Unsere Kleidung. SmartClothing besteht aus High-Tech, eingebaut in Textilien und Zubehörteile, Schaltkreise oder Sensoren innerhalb unseres Outfits. Viele SmartClothing-Optionen können via Bluetooth oder WiFi mit dem Smartphone verbunden werden, andere berechnen selbst – alles abhängig vom jeweiligen Kleidungsstück und dessen Zweck.

Offensichtlich ist dieser Nutzen natürlich beim Thema Sport. Smarte Activewear, also Shirts, Trikots oder sogar Shorts, überwachen teilweise Herz und Kreislauf des Trägers und übermitteln tägliche Trainingsdaten an entsprechende Apps auf dem Telefon. Der Vorteil gegenüber beispielsweise einer Smartwatch liegt auf (oder an) der Hand: Die Sportklamotten sind alles, was man braucht, weiteres Equipment beim Training wird nicht gebraucht. Außerdem liegt ein Sensor beispielsweise im T-Shirt um einiges näher an der Quelle als ein Tracker am Armband. Das Handgelenk ist ein deutlich schwierigerer Messpunkt für Muskelspannung und Atemrate, und kann leicht eine fehlerhafte Abtastung liefern. Ebenso überwacht ein Sensor in den Trainings-Shorts oder -Schuhen den Teil des Körpers, der sich beim Laufen tatsächlich am meisten bewegt, und wird damit zum wesentlich verlässlicheren Schrittzähler als ein Fitness-Armband. Eigentlich offensichtlich, aber dies ist tatsächlich ein großer Vorteil für SmartClothing.

Aber nicht nur im Sport hat SmartClothing das Potential, die Welt der Mode buchstäblich zu unterwandern. Smarte Business-Anzüge beispielsweise tauschen bereits digitale Geschäftskarten aus, entsperren das Telefon oder interagieren mit anderen Devices. Google schloss sich bereits mit Levi’s zusammen, um eine smarte Jeansjacke herzustellen, die sowohl Musik als auch Navigation mit simplen Swipe-Mechaniken steuern kann. Auch für Hersteller ist das ganze praktisch – mit der nötigen Tech in den verkauften Kleidungsstücken lassen sich Produktnutzung und Auffälligkeiten tracken, und Kunden können durch das Tragen des Stücks beispielsweise Punkte für Rabatte sammeln – Gamification im Kleidungssegment, sozusagen.

Auch wir vom InnovationLab haben natürlich starkes Interesse am Thema: Die Abschlusspräsentation 2019 eines Studierendenteams an der Hochschule Mönchengladbach widmete sich, in Kooperation mit Sonepar, dem SmartClothing. So entstand das Konzept einer smarten Jacke für die Mitarbeiter unseres InnovationLabs, die nicht nur vor schlechtem Wetter und Kälte schützt, sondern mit einer ganzen Wagenladung innovativer Features daherkommt: 3LEDs, Smartphone-Unterstützung mit App, Arduino-Chip, Audio- und Beschleunigungssensor und eigene Powerbank wären nicht nur für die Träger, sondern auch die Besucher des Labs ein sehr beeindruckendes Schauspiel.

Die smarte Sonepar-Jacke des Studierendenteams WS18/19 aus Mönchengladbach

Aber bei all dem Lob für die klugen Klamotten wird es noch ein bisschen dauern, bis SmartClothing wirklich zum festen Bestandteil des Alltags wird. Auch wenn Tommy Hilfiger bereits eine durch Solarkraft betriebene Jacke anbietet oder Ralph Lauren ein smartes Tennisshirt, gibt’s im nächsten C&A bis auf weiteres noch keine „Smart“-Kleidungsstange, und die intelligente Bodywear wird ihren Siegeszug noch etwas hinausschieben müssen.

Dies liegt nicht nur an den potentiellen Kosten eines mit Gadgets vollgestopften Kleiderschranks, auch die Limitierungen aktueller Technologie spielen noch nicht ganz mit. Akkus sind immer noch zu groß und wuchtig, Displays zu unflexibel, um sie unauffällig, praktisch und waschbar in modernen Kleidungsstücken anzubringen. Auch, wenn es bereits viele Kleidungsstücke mit den Anfängen smarter Technologie im Handel gibt, wie beispielsweise Handschuhe, die durch hitzeleitende Kabel die Finger wärmen, oder Badeanzüge, die durch UV-Erkennung die Besitzerin vor dem anstehenden Sonnenbrand warnen, ist das ganze Potential smarter Kleidung noch bei weitem nicht ausgereizt. Die Zukunft lässt aber großes erhoffen. Die Handy-Industrie entdeckt derzeit falt- und verformbare Displays für sich, die auch für Kleidungsstücke extrem nützlich sein könnten.

In Labors wird beispielsweise stetig an farbverändernden Textilien gearbeitet, die nicht durch Sonne oder Feuchtigkeit die Farbe ändern, sondern durch einen Knopfdruck auf dem Smartphone. Dies funktioniert an einem Modell durch Kupferdrähte, die in einem Polymer-Mantel aus Polyester oder Nylon wie bei gewöhnlichen Textilien verwebt werden. Das Polymer wird mit Farbpigmenten durchsetzt, die bei Temperaturänderungen verändert werden, die für den Träger nicht wahrnehmbar sind.

Auch Daten lassen sich in Kleidung speichern: Die Atome eines Kupfer- oder Silberbandes im Kleidungsstück richten sich durch Magnetismuseinwirkung gerade aus und können so binäre Daten speichern und anzeigen, die ein Magnetometer lesen könnte. Denkbar wäre hier beispielsweise ein Türschloss, welches auf einen Passcode im Jackett reagiert.

Und natürlich wird auch das Akku-Problem angegangen, beispielsweise mit Solarenergie-aufnehmenden Stoffen, die während des Spazierganges die Energie der Sonne „ernten“ und direkt das Kleidungsstück powern. Ebenso ist es theoretisch möglich, den Träger selbst als Energielieferanten einzusetzen – ein knopfgroßer Generator, der in der Universität North Carolinas erforscht wurde, macht es möglich. Auch, wenn die von ihm erstellte Energie bei weitem noch nicht ausreicht, smartes Equipment vollständig mit Strom zu versorgen.

Aber: SmartClothing ist – wenn auch mit leichten Anlaufschwierigkeiten – auf dem Vormarsch und wird sicherlich zukünftig einen größeren Markt für sich beanspruchen können. Auch, wenn es derzeit eher einen sehr spezialisierten Nischenstatus erfüllt. Vernetzung ist bekanntlich überall, und einen Markt wie die Kleidung, die wir täglich tragen, wird kaum ein Hersteller absichtlich auslassen. Insbesondere, wenn das Potential zur Kooperation verschiedenster Hersteller und Marktkategorien so stark gegeben ist wie bei der Kombination von Kleidung und Technik. Zusätzlich spielt Emotionalität gerade bei Mode und Kleidungsstücken einen weitaus höheren Anteil als bei „roher“ Technik – dies könnte sich ebenfalls als starke Grundlage für ein ganz neues Geschäft durch SmartClothing herausstellen. Smarte Technik bekommt dann sozusagen nicht nur ein ganz neues Gesicht, sondern wird auch emotional ansprechender.


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